Die inneren Kampfkünste und innere Praktiken – 內家拳與內功

Im alten China war es hochangesehen, wenn jemand in (gehobener) militärischer Funktion nicht allein die Kriegskunst ausgezeichnet beherrschte, sondern auch in der Literatur, in den Künsten allgemein und der Philosophie sehr bewandert war (文武雙全).

Als junger Mensch mit viel Kraft und Energie und großem Bewegungstalent hatte man vielleicht nicht unbedingt ein überragendes Interesse an komplexen philosophischen und medizinischen Theorien, wollte wahrscheinlich eher direkt zur Sache kommen und war möglicherweise auch noch von einem übergroßen Ego abgelenkt.

Spätestens aber wenn jemand mit ausgeprägter Kampffähigkeit und einem höheren Bildungsgrad, etwa ein General, älter wurde, zahlreiche Verletzungen erlitten und überlebt hatte, die Kräfte der Jugendzeit allmählich nachließen, wurde es jedoch interessant, sich damit auseinanderzusetzen, wie man schwindende Muskelkräfte kompensieren, die Nachwirkungen alter Wunden behandeln und seine Lebenskraft und Gesundheit länger erhalten konnte. Bei den Verletzungen sollte man nicht nur an körperliche Verletzungen denken. Wer viel Gewalt gesehen, erlitten und ausgeübt hat, bleibt auch emotional davon nicht unberührt und hat dann auch genügend unschöne Bilder aus der Vergangenheit im Kopf. Da erlangen Methoden, die einem verhelfen, „das Trübe/Aufgewühlte allmählich durch Ruhe/Stille wieder zur Klarheit bringen“, tiefe Bedeutung — Daodejing, Kapitel 15: „孰能濁以靜之徐清“.

Da die chinesische Heilkunst eng mit der daoistischen Philosophie verbunden ist und sowohl im Daoismus als auch im Buddhismus ein umfassendes Wissen um jegliche Form der Heilung vorhanden ist, haben sich viele ältere Kämpfer deshalb intensiver mit daoistischem und buddhistischem Gedankengut auseinandergesetzt und von Daoisten und Buddhisten gelernt. Die daoistische Tradition beschäftigt sich zudem seit jeher mit den Kräften der Natur und wie man sich mit ihnen verbinden kann. Auf diese Weise wurden heilendes, spirituelles Wissen und der Aufbau innerer Kraft und Kampffähigkeit miteinander verschmolzen — manchmal in sinnvolle Richtungen, manchmal auch nicht.

Hatte man erst einmal die körperlich, mental und emotional heilende und stärkende Kraft daoistischer und/oder buddhistischer Methoden der Körperarbeit erfahren, war es nicht abwegig, wenn etwa besagte ältere und erfahrene Kämpfer derartige Praktiken unmittelbar in ihre eigenen Routinen einbauten und damit die Kampfbewegungen von innen heraus neu strukturierten und gestalteten.

Da es auf einem höheren Niveau ohnehin weniger um Techniken geht als darum, intuitiv und instinktiv hochqualitativer agieren zu können, kommt es gelegen, wenn es gelingt, Blockaden jeglicher Art effektiver aufzulösen — körperlich, mental und emotional. All das, worüber ich bereits in den vorherigen Blogbeiträgen geschrieben habe, greift hier.

Wenn nun wiederum ältere, erfahrene Kämpfer jüngere ausbildeten, ließen diese, wenn sie nicht das entsprechende Gespür und die entsprechende Weitsicht besaßen, vor lauter Ungestüm möglicherweise alles, was nicht direkt mit dem Kämpfen zu tun hatte, links liegen und interpretierten jede erlernte Bewegung im Sinne einer Kampftechnik.

Warum sollten sich nun also ungestüme junge Kämpfer speziell für innere daoistische und buddhistische Praktiken interessieren – oder was bringt ihnen das? Ungezähmten und manchmal scheinbar unzähmbaren Energien können durch solche inneren Praktiken Wege gewiesen werden, die für die betreffenden Personen ebenso wie für die sie umgebenden Gemeinschaften konstruktive Einsatzmöglichkeiten bieten. So werden die Energien gefordert und gefördert, können wachsen und alle Seiten profitieren davon. Der große Vorteil innerer Praktiken liegt ohnehin nicht darin, dass sie die zur Verfügung stehenden Kräfte erweitern.

In den Kampfkünsten gibt es seit jeher aus gegebenem Grund viel Misstrauen und Geheimniskrämerei. Deshalb wurden innere Praktiken gleich welcher Couleur auch nicht leichtfertig weitergegeben. Von außen erschließt sich selbst erfahrenen Betrachtern auch höchstens ein kleiner Teil, wenn sie nicht in die jeweiligen inneren Praktiken eingeweiht sind. Abgesehen davon zielen diese Praktiken, sofern sie aus der tieferen daoistischen und buddhistischen Tradition kommen, ohnedies nicht auf das Kämpfen ab. Sie können die Kräfte und Fähigkeiten von Kämpfern steigern, stellen von sich aus jedoch weder direkte Kampffähigkeit noch Kampferfahrung bereit. Hier produziert das Mystifizieren der Fähigkeiten, die man durch innere Praktiken erlangen kann, viel unnötige Verwirrung und Aberglauben.

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