Daoismus? 道家思想與道教

Es gibt eine sehr große Bandbreite daoistischer Praktiken. Aus diesem Grund ist es wichtig, zu erläutern, wovon ich persönlich spreche, wenn ich von daoistischen Praktiken und dem Daoismus spreche in der Ausrichtung, in der ich mich mit ihnen auseinandersetze. Denn ich spreche hier oft von anderen Dingen, als es sonst in der Kampfkunst- und Qigong-Szene der Fall ist.

Mein Fokus liegt nicht auf Ideen, die aus der inneren daoistischen Alchemie stammen. Neben den konkreten Bewegungsprinzipien jeweils spezifischer Bewegungsmethoden bezieht sich meine Arbeit primär direkt auf philosophische Konzepte aus dem Daodejing.

Eine derartige daoistische Praktik ist nicht allein eine Körpermethode, sondern sie regt gleichzeitig auch Reflexion und gedankliche Auseinandersetzung mit der dahinterstehenden Philosophie an. Hierbei hilft die alltägliche körperliche Praxis, die gedankliche Welt des Daodejing tiefer zu durchdringen. Andererseits bereichert die intellektuelle Auseinandersetzung mit den im Daodejing präsentierten Konzepten die durch die Körperarbeit zugänglich gemachten Erfahrungswelten ungemein, macht ein tieferes Vordringen in diese überhaupt erst möglich. Die Frage, warum sich Personen, die daran interessiert sind, tiefer in traditionelle innere daoistischen Praktiken einzusteigen, mit daoistischer Philosophie auseinandersetzen sollten, ist also einfach zu beantworten.

Als dem Ursprungswerk und der Grundlage jeglicher daoistischer Strömung und aufgrund seiner Komplexität hat das Daodejing für mich eindeutig höhere Priorität als spätere Strömungen im organisierten Daoismus und deren Theorien. Im Daodejing geht es um allgemeingültigere Konzepte, Handlungsmuster oder wie ich sie früher oft bezeichnet habe, Operationsmodi, die als sinnstiftende Verhaltensmuster und Orientierungshilfe überall im Alltag und als Lebensprinzipien fungieren können.

Mein Augenmerk liegt von daher auch auf den gesellschaftlichen Bezügen und Möglichkeiten individueller Körperpraktiken. In einer derart verstandenen daoistischen Praxis flicht man über die Jahre nicht nur ein energetisch ausgewogenes Netzwerk im eigenen Körper, sondern eines das mit einem präferierten zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Gefüge – und zwar einem systemischen – korreliert. Die Früchte der inneren Praxis sollen sich ja letztlich auch nach außen tragen. Wenn man an einer langfristig sinnvollen Makrostruktur beteiligt sein möchte, sollten andererseits auf Mikroebene die gleichen angestrebten Organisationsmuster am Wirken sein. Individuelle Ziele sind dementsprechend nicht ego-fixiert, sondern gesunde Wegstrecken. (Daodejing, Kapitel 22: „是以聖人抱一。為天下式。不自見故明。不自是故彰。不自伐故有功。不自矜故長。“)

In diesem Punkt unterscheiden sich das Daodejing und das Buch Zhuangzi markant. Das Buch Zhuangzi hat keine gesellschaftspolitische Ausrichtung, ganz im Gegensatz zum Daodejing, wo dies von zentraler Bedeutung ist.

Die Frage, warum sich auch Kämpfer in alten Zeiten überhaupt auf diese philosophischen Konzepte eingelassen haben – neben den in einem der vorigen Blogbeiträge zu den inneren Kampfkünsten bereits genannten gesundheitlichen Gründen, ist allerdings auch nicht schwer zu beantworten: Man kann beispielsweise durch die Konzepte des Verbindens (一、和) die eigene Kraft und Dynamik enorm steigern und die Körperkoordination deutlich verbessern. Es eröffnet sich gleichzeitig aber zusätzlich auch eine große Bandbreite weiterer Anregungen und Entwicklungsmöglichkeiten (化).

Kraft im Daodejing und in daoistischen Bewegungspraktiken

Auch für die Daoisten war bereits allseits sichtbar und erfahrbar, dass aus Hass enorme Kräfte entstehen. Es gab viele Kriege und politische Rivalitäten. Hierbei spielten Unterwerfung, Unterdrückung, Machtgier und der Kampf um die Macht eine zentrale Rolle. Auch wir wissen aus der Vergangenheit und können gegenwärtig überall in der Welt sehen, wie stark diese Kräfte sind. Deshalb kommt dem Zeichen 安 an (Ruhe, Stille, Frieden) eine so wichtige Rolle bei, nämlich im Sinne von mit sich und der Welt Frieden schließen.

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無 Wu – die Bedeutung der Leere, des Leer-Seins und des Leer-Werdens im Qigong und in den Bewegungstraditionen mit daoistischer Orientierung

Glass - halb leer, halb voll

Damit Bewegungen und Haltungen voll werden können, müssen sie zunächst einmal leer werden. Es ist bekannt, dass dem Sichbefreien von Ballast, der sich im Laufe der Sozialisation und des bisherigen Lebens in einem innerlich angesammelt hat, sowie dem Sichentleeren und dem Loslassen generell im Daoismus immer wieder Beachtung geschenkt werden. Deshalb gibt es im Daoismus, genau gesagt bei Zhuangzi, im Zusammenhang mit der Rückkehr zu mehr Ursprünglichkeit (樸素 pu su, 真 zhen) und meditativen Praktiken diesbezüglich bezeichnenderweise den Begriff „sitzen und vergessen“ (坐忘 zuo wang).

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養生 Yangsheng – die Pflege des Lebens

Yangsheng_Berge

Bevor ich auf die konkrete Thematik des heutigen Blogbeitrags eingehe, zunächst etwas zu meinen Blogbeiträgen ganz allgemein: Für diejenigen unter den Lesern, die mich schon längere Zeit begleiten, sind viele der daoistischen Konzepte, über die ich schreibe, bereits vertrautes Gedankengut. Allerdings scheint man manches andererseits „tausend Male“ hören zu müssen, um es das erste Mal wirklich hören zu können. Man kann dies an sich selbst erfahren, es ist aber auch eine wichtige Erkenntnis für das eigene Unterrichten.

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Kreuzschmerzen nach dem Qigong Üben

Gestern bin ich gefragt worden, was man macht, wenn man nach dem Üben des Yin-Yang-Qigongs Nacken- und Kreuzschmerzen hat. Eigentlich ist es so, dass man durch die Praxis des Yin-Yang-Qigongs Verspannungen im Nacken-/Schulterbereich Stück für Stück löst und den kompletten Wirbelsäulenraum wieder beweglicher macht. Dies sollte komplett schmerzfrei geschehen. Schmerzen deuten hier daraufhin, dass man die Yin-Yang-Bewegungen ohne das notwendige Feingefühl gemacht hat. Worauf sollte man also achten, damit man nicht genau das Gegenteil dessen bewirkt, was man erreichen möchte?

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