Bevor es anfängt, hat es bereits begonnen.

Ein kleines Ritual zu Beginn und am Ende einer Praxis – aber auch eine eigenständige Praxis für das Leben

Als ein Sinologe, also ein Chinawissenschaftler, gleichzeitig aber auch Praktizierender, der sich seit Jahrzehnten mit taoistischer Philosophie und ihrer Anwendung in den traditionellen chinesischen Bewegungspraktiken beschäftigt, liegt mein besonderer Fokus auf der Umsetzung von Konzepten des 道德經 Tao Te King. Hierbei spielt es keine Rolle, ob wir über Kampfkunststile oder sogenannte Nei-kung- bzw. Qigong-Methoden reden.

Ich möchte hier auf eine zwar von außen betrachtet unscheinbare, aber von der möglichen Wirkungsvielfalt weitreichende kleine Übung eingehen, die mehr Ausgeglichenheit, gleichzeitig aber auch Lebendigkeit auf unterschiedlichen Ebenen fördern kann. Sie kann helfen, zu mehr innerer Ruhe (emotional und mental) zu finden parallel zu der Absicht, diese Wirkung auch nach außen auszustrahlen. Die Abbildung unten vermittelt einen ersten Eindruck dieser Übung. Es geht um eine einfache kleine Übung, die ich persönlich beispielsweise zu Beginn und am Ende der 少林易筋經 Shaolin-Methode zur Transformation der Sehnen (Shaolin I-Chin-Ching) ausführe, aber auch immer wieder alleinstehend im normalen Alltag zur Fokussierung und Lockerung zwischendurch. Im Taoismus und im Buddhismus geht es ja nicht primär darum, Übungen zu machen. Es geht um einen achtsamen Lebensweg.

Eröffnung, Ausführung und Abschluss der Praxis – Version 1

Man stellt sich zunächst so hin, dass die beiden Füße einander (parallel) berühren. Die Beine sind gestreckt (natürliche Streckung). Die Arme lässt man locker an der Seite herunterhängen. Man schließt die Augen und atmet ruhig (und tief) ein und aus.

Mit den leicht geschlossenen Augen „schaut“ man respektvoll, offen, freundlich, fürsorglich und sorgsam nach innen und nach außen – ein Zusammenspielen zwischen bewussten, unterbewussten und unbewussten Sphären. Wir sind wach und schließen die Augen, um uns weiteren Erfahrung(swelt)en zu öffnen. Der Gedanke des Wach-Seins und Wach-Werdens erstreckt sich auf viele Bereiche.

Man führt nun die beiden Hände vor der Brust zusammen (wie in einer Gebets-/Demutshaltung – siehe die Abbildung oben). Man spürt die wärmende Kraft der Hände. Die Zungenspitze berührt ganz leicht den Gaumen direkt oberhalb der oberen Schneidezähne. Der Mund ist ein ganz klein wenig geöffnet. In dieser Haltung verweilt man ruhig atmend so lange, wie es in der jeweiligen Situation passend ist. Die Verbindung von innerer Wachheit und Achtsamkeit, reduzierter Atem- und Herzschlagsfrequenz und geschlossenen Augen hat in vielfacher Hinsicht regenerative Wirkungen – vor allem wenn dies noch in Kombination mit den im Folgenden beschriebenen Mikro-Bewegungen erfolgt.

Eröffnung, Ausführung und Abschluss der Praxis – Version 2

Alles wie in Version 1, allerdings erfolgt hierbei im eigenen Rhythmus ganz unscheinbar eine ruhige, jedoch sich abwechselnde Gewichtsverlagerung vom linken auf den rechten, und vom rechten auf den linken Fuß.

Eröffnung, Ausführung und Abschluss der Praxis – Version 3

Die ruhige und unscheinbare Gewichtsverlagerung im eigenen Rhythmus aus Version 2 wird nun weiter variiert durch ein abwechselndes ganz leichtes Beugen und Strecken der Beine.

Eröffnung, Ausführung und Abschluss der Praxis – Version 4

Alles wie in den vorherigen drei Versionen, allerdings werden nun mit dem abwechselnden leichten Beugen und Strecken der Beine abwechselnd im linken und im rechten Fuß Impulse von der Ferse aus in den Fußballen und die Zehen (und darüber hinaus) geschickt. Die Impulse von der Ferse in den Fußballen und die Zehen erweitern die Wellen, die durch das Verlagern des Gewichts von links nach rechts und rechts nach links in den Körper (bis zum Scheitelpunkt und darüber hinaus) geschickt werden durch spiralige Bewegungen.

Dadurch wird u. a. auch die Verbindung mit dem Boden ausgebaut. Die Erdung wird verbessert. In den chinesischen Bewegungspraktiken gibt es das Bild eines Baumes, dessen Wurzeln wachsen (生根). Gleichzeitig geht es aber auch um Bewegungsimpulse, die von den Fußsohlen in den Scheitelpunkt reichen und gedacht sind, Verhärtungen aufzulösen und isolierte Areale Schritt für Schritt wieder zu integrieren. Aus der Sicht taoistischer Philosophie geht es ja immer um die Einbindung des Menschen in das natürliche Gefüge – im Falle dieser Übung über die Fußsohlen in die Erde und über den Scheitelpunkt ins kosmische Gefüge (天地人).

Eröffnung, Ausführung und Abschluss der Praxis – Version 5

Impulse werden von den Handwurzeln aus (auf vielfältige Weise) in die Handflächen und Finger/Fingerspitzen (und darüber hinaus) geschickt, während man durch das Aufeinanderdrücken der gesamten Handflächen auch Impulse in die Schultern und die Region der Schulterblätter senden kann. Da es einer gewissen Erfahrung und Koordination bedarf, alle bisherigen Versionen zusammenzufügen, kann man diese Aktivierung des Armkreislaufs oder alle anderen Bewegungselemente in den Füßen und Beinen jeweils alleine machen, um fokussierter und den eigenen Gegebenheiten entsprechend die Lebendigkeit in einzelnen Körperbereichen zu erhöhen.

Die oben genannten Versionen können je nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen auch anders zusammengesetzt werden.

Version …: Es gibt natürlich komplexere Versionen. Die Tiefe und die Feinheiten, die in Bewegung umgesetzt werden, werden immer weiter entfaltet.

Ganz gleich in welcher Version und wie lange man diese kleine Übung jeweils ausführt, man spürt die körperlich, emotional und mental ausgleichende Wirkung dieser unscheinbaren Praxis. Zum Abschluss öffnet man langsam die Augen, verweilt noch ein wenig in dieser Haltung und lässt dann langsam die Arme zur Seite sinken. Nun geht man körperlich, emotional und mental gestärkt wieder zurück in den Alltag.

In den inneren chinesischen Praktiken geht es u. a. darum, dass auf feinfühlige Art und Weise energetische Kreisläufe aktiviert werden. Durch die Mikro-Bewegungen in den Füßen und Beinen wird der energetische Kreislauf zwischen den Beinen und der Erde aktiviert. Impulse in die Knie, die Hüftgelenke und das Becken vitalisieren diese Regionen.

Die Mikro-Bewegungen in Fingern, Händen und Armen aktivieren den energetischen Kreislauf zwischen den Armen. Impulse in die Schultergelenke und die Schulterblätter vitalisieren diese Regionen auf sanfte Weise.

Die Hand-Fuß-Koordination wird verbessert.

Durch die ruhige Atmung und die anderen Mikro-Bewegungen im Körper arbeitet man an einem Gleichgewicht zwischen Ruhe/Ausgeglichenheit und Lebendigkeit. In den chinesischen Bewegungstraditionen gilt das Ideal der Ruhe in der Bewegung und der Bewegung in der Ruhe (靜中有動。動中有靜。). Jedes Stillstehen steht in einer Verbindung zur Bewegung. Selbst wenn wir in der Meditation still sitzen oder in einer Stehübung wie eine Säule erscheinen, würden wir unsere Lebendigkeit nicht vertiefen, wenn es in unserem Inneren nicht komplexe Bewegungen gäbe. Das Arbeiten mit und das Arbeiten-Lassen von Mikro-Bewegungen hilft uns, das stille Sitzen oder Stehen konstruktiver zu gestalten und die Untrennbarkeit von 陰 Yin und 陽 Yang (siehe 太極圖 T’ai-Chi-Symbol) lebendig zu erfahren. Bei allen Gelegenheiten im Alltag, die langes Sitzen und Stehen erfordern, hilft uns diese kleine Praxis, sinnvoller zu sitzen und zu stehen.

Die Vernetzung (auch im organischen Bereich) mit sich selbst und den Umfeldern (aller Arten) wird unaufhörlich und je nach Fähigkeiten immer komplexer betrieben (抱一). Diese Arbeit des konstruktiven Vernetzens verbleibt mit zunehmend vertiefender Praxis nicht allein im körperlichen und im individuellen Bereich. Sie erstreckt sich auf das soziale und dann weitergehend auf das gesamte menschliche und nicht-menschliche Umfeld. Die gedankliche, sprachliche, intellektuelle Auseinandersetzung in der Praxis ist ein Teil des philosophisch-taoistischen Wegs. Die Kommunikation mit allen „internen“ und „externen“ Umfeldern erfolgt allerdings auf allen möglichen bewussten und unbewussten Ebenen, auf allen möglichen Arten und Weisen (不言之教). Eine derartig verstandene Vielsprachigkeit ist wichtiger Bestandteil eines philosophisch-taoistischen Weges.

Besonders wichtig während der kompletten Zeit, in der man diese kleine Übung ausführt, ist deshalb der freundliche Gesichtsausdruck wie bei einem Buddha oder Bodhisattwa, den man bei ganz vielen Statuen findet. Diese durch den Gesichtsausdruck nach außen sichtbare und ausstrahlende sowie innerlich spürbare Grundhaltung ist ein zentrales Element dieser kleinen Übungspraxis wie auch ganz vieler spiritueller und heilender chinesischer Körperpraktiken. Es geht wie gesagt um eine Grundhaltung, nämlich gleichzeitig sich und seiner Umwelt mit jedem Atemzug etwas Gutes zu tun. Es geht darum, sich selbst und andere Lebewesen zu unterstützen. Es geht nicht um Perfektion. Es geht um den Weg. Es geht um einen konstruktiven Umgang mit den Aufgaben im Leben. Je mehr Ganzheit man in der Lage ist, nach innen wirken zu lassen, desto mehr Ganzheit kann auch nach außen wirken.