Kraft im Daodejing und in daoistischen Bewegungspraktiken

Auch für die Daoisten war bereits allseits sichtbar und erfahrbar, dass aus Hass enorme Kräfte entstehen. Es gab viele Kriege und politische Rivalitäten. Hierbei spielten Unterwerfung, Unterdrückung, Machtgier und der Kampf um die Macht eine zentrale Rolle. Auch wir wissen aus der Vergangenheit und können gegenwärtig überall in der Welt sehen, wie stark diese Kräfte sind. Deshalb kommt dem Zeichen 安 an (Ruhe, Stille, Frieden) eine so wichtige Rolle bei, nämlich im Sinne von mit sich und der Welt Frieden schließen.

Die eigene Kraft kann deshalb auf viele verschiedene Weisen und in allen möglichen Bereichen gesteigert werden. Es hängt ganz davon ab, worauf man sich im Prozess des Stärkerwerdens fokussiert bzw. worauf man überhaupt im Leben den Fokus richtet. Aus den oben genannten Gründen beschäftigt sich das Daodejing intensiv mit dem Thema Macht und Kraft und warnt vor Protzerei, Überheblichkeit und Egoismus (Daodejing, Kapitel 22 und 24, Kapitel 33: „勝人者有力自勝者強“; Verbindung zu 無己 wu ji im Zhuangzi)

Ein positiver Zugang zur Macht und ihrer Ausübung wird auf der menschlichen Ebene im Daodejing repräsentiert durch die Menschen des Einklangs (聖人 sheng ren). Eine der Kern(führungs)kompetenzen der Menschen des Einklangs möchte ich an dem Bild eines anderen Schriftzeichens erläutern, da die Erklärung des chinesischen Schriftzeichens für König (王 wang) im ältesten Wörterbuch Chinas, dem Shuowen Jiezi (說文解字) ca. 100 n. Chr. diese Grundeinstellung der Menschen des Einklangs am Idealbild eines Königs wunderbar verbildlicht. Dort wird ein König erklärt als jemand, der die drei Sphären (三才 sancai) Himmel, Erde und Mensch (天地人 tian di ren) miteinander/in sich verbindet, eins mit ihnen ist. Der Himmel wird repräsentiert durch den obersten horizontalen Strich des Schriftzeichens, der Mensch durch den mittleren horizontalen Strich und die Erde durch den untersten horizontalen Strich. Durch den vertikalen Strich in der Mitte, der alle drei Sphären miteinander verbindet, wird das Schriftzeichen zum Schriftzeichen für König (王 wang).

Als Gegengewicht zum Chaos ihrer Zeit suchen die Daoisten nach positiven Vorbildern. Sie suchen diese positiven Vorbilder vor allem in der Natur. In der Natur gibt es ganz offensichtlich allerdings viele große und sehr gegensätzliche Kräfte. Im Daodejing liegt der Fokus jedoch eindeutig auf dem Prozess des Pflegens und Nährens im Kreislauf der Natur zum Erhalten der Arten, des Lebens/der Existenz. Immer geht es dem Daodejing jedenfalls um Kräfte, die in einem umfassenden Maße sinnstiftend und heilsam sind, geht es darum, dass die Kommunikation von Systemen intern und untereinander in einem konstruktiven Rahmen optimal funktioniert. Werden diese Erfahrungen jedoch nicht auch körperlich individuell verankert, hat das eigene Handeln keine solide Basis, bildet man selbst keinen adäquaten Resonanzkörper, der die entsprechenden Schwingungen weitertragen bzw. optimal mit ihnen interagieren könnte.

Diese kommunikativen Fähigkeiten sind im Hinblick auf den Bewegungsapparat als auch auf die inneren Organe oft gestört. Um die einzelnen energetischen Felder nun wieder besser miteinander zu verbinden und die interne Kommunikation zu verbessern, baut man in den daoistisch-orientierten Bewegungspraktiken deshalb die Fähigkeit des Sendens von Impulsen in den gesamten Körper und des Empfangens von Impulsen aus dem gesamten Körper aus – zunächst bis in die Peripherie des Körpers und schließlich darüber hinaus („Sammeln“ und Ausdehnung 聚散). Die Richtschnur hierbei ist: Sich trotz aller Teile ungebrochen fühlen wie aus einem Guss.

Um körperliche Impulse allerdings möglichst schnell übertragen zu können, bedarf es einer größeren Geschmeidigkeit des Körpers. Zum Thema Geschmeidigkeit fällt mir natürlich das Daodejing ein: 柔 rou – Daodejing, Kapitel 76: „堅強者死之徒柔弱者生之徒“ „Das Feste und Starre sind Anhänger des Todes. Das Weiche und Schwache sind Anhänger des Lebens.“ Ist der Körper nicht geschmeidig genug, können Impulse auch nicht schnell übertragen werden. Hier gibt es eine Wechselwirkung: Je geschmeidiger der Körper bereits ist, desto schneller können wie gesagt die Impulse übertragen werden. Andererseits hilft das Pulsieren enorm dabei, die Geschmeidigkeit/Lebendigkeit/Wachheit im Körper zu erhöhen. Zwei passende Fragen hierzu aus dem Daodejing sind: „孰能濁以靜之徐清孰能安以久動之徐生“ „Wer kann das trübe Aufgewirbelte durch Ruhe allmählich klar werden lassen? Wer kann das Stille durch langanhaltende Bewegung allmählich zum Leben erwecken?“ (Daodejing, Kapitel 15)

Oft gelingt dieses Pulsieren (wie der Herzschlag) oder dieses Sichausdehnen und Kleinerwerden (wie die Atembewegung) mit Involvierung des gesamten Körpers nicht so einfach und es bedeutet viel Arbeit, dies in jeder einzelnen Bewegung einer Qigong-Methode oder irgendeiner sich anders nennenden körperlichen Praxis umzusetzen. Einhergehend mit der dementsprechenden positiven emotionalen und mentalen Ausrichtung können hierbei jedoch erstaunliche Kräfte freigesetzt werden.

Kraft besitzt wie gesagt viele Dimensionen. Beginnt man in jungen Jahren mit der Praxis solcher Methoden, bleibt man auch in mehrerer Hinsicht lange jung. Bei fortgeschrittenem Alter ist eine solche Praxis eine effektive Methode einer gesunden Verjüngung.

Die Kraft im Daoismus und aller damit verbundenen körperlichen Praktiken stammt also aus einer einzigen Quelle, nämlich dem Ganzen – und je stärker die Verbindung, desto größer die Kraft.

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