
Bei dem Begriff Integration denkt man oft an gesellschaftliche Prozesse mit dem Ziel eines funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenlebens, beispielsweise wenn Menschen mit anderen sprachlichen und kulturellen Hintergründen ihren neuen Lebensmittelpunkt in einer anderen Gesellschaft suchen.
In der chinesischen Shaolin-Methode zur Transformation der Sehnen (少林易筋經 Shaolin I-Chin Ching) geht es um eine andere Perspektive in der Betrachtung von Integration, und zwar um die Auseinandersetzung mit der eigenen Person, mit dem eigenen Körper in der Bewegung. In den Traditionen der chinesischen Bewegungsmethoden gibt es ein großes Wissen und eine große Vielfalt. Die traditionellen chinesischen Bewegungsmethoden, nicht nur die mit Shaolin verknüpften, sind bekannt für die positiven Wirkungen, die sie auf mehreren Ebenen entfalten: Sie machen den Körper geschmeidiger und energetischer. Mental unterstützen Sie die eigene Resilienz, Zähigkeit und Selbstdisziplin. Emotional wirken sie ausgleichend, unterstützen auf dem Weg zu tiefer innerer Ruhe, fördern gleichzeitig aber auch eine konstruktive Lebendigkeit.

Aus dem Blick fällt allzu oft allerdings die soziale Komponente der traditionellen chinesischen Bewegungsmethoden. Die Integration und Harmonisierung in der eigenen körperlichen Existenz ist jedoch ein Aspekt, der aus der Sicht der taoistischen und buddhistischen Traditionen die Grundvoraussetzung für sinnvolles gesellschaftliches Zusammenleben und Agieren darstellt, den Grundstein dafür legt. Ohne diese Erfahrung der Heilung in der eigenen physischen Existenz lassen sich aus taoistischer und buddhistischer Sicht entsprechende Realitäten weder in kleineren sozialen noch in größeren gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen wirklich effektiv gestalten.
Die Shaolin-Methode zur Transformation der Sehnen ist der Legende nach weit über tausend Jahre alt, historisch belegbar ist sie jedoch erst seit dem 19. Jahrhundert. In der Variante der Methode, die ich praktiziere und unterrichte, gibt es 12 Bewegungssegmente, die ihrerseits wiederum im Regelfall aus mehreren Einzelbewegungen bestehen. In dieser Bewegungsmethode spannt man in Koordination mit der Atmung Muskeln an und entspannt sie wieder, wobei ein schönes taoistisches Beispiel für das Verständnis muskulärer Anpannung und Entspannung das Pulsieren des Herzens darstellt. Der Fokus dieser Methode liegt ganz bewusst auf dem gesamten Bewegungsapparat des Körpers, der in den einzelnen Bewegungen genau „angeschaut“ wird – und zwar wirklich von unten bis oben.
In jeder einzelnen Bewegungsübung bemüht man sich um die Integration aller Teile des eigenen Körpers in das Geschehen. Es geht um die Erfahrung von Ganzheitlichkeit. Ausgegrenzte Bereiche in der eigenen körperlichen Existenz – ganz gleich, aus welchem Grund auch immer ausgegrenzt – werden Schritt für Schritt (wieder) integriert. Manches ist möglicherweise sogar derartig ausgegrenzt, auch derartig jenseits eigener Bewusstheit für die Ausgegrenztheit, dass sich der Integrationsprozess als sehr langer Weg präsentiert. Eindeutig gilt jedoch als Ziel: Inklusion statt Exklusion.
Mit Hemmnissen im Bewegungsfluss wird Schritt für Schritt gearbeitet, um Fluss und Lebendigkeit sinnvoll zu fördern. Beim Bewegungsfluss geht es auch nicht ausschließlich um Flüsse im eigenen Körper, sondern um Bewegungsdynamiken sowohl im Körper, in den Körper hinein als auch aus dem Körper heraus. Es geht um ein konstruktives Miteinander und die energetische Integration der eigenen körperlichen Existenz in die unterschiedlichsten umhüllenden Kontexte, und letztlich in ein größeres Ganzes.
Als kleines Kind bewegt man sich noch näher an der Erfahrung der existenziellen Verbundenheit und Integration im Mutterleib. Wenn diese leibliche Erfahrung der ursprünglichen Verbundenheit und sie bestätigende Praktiken in den Traditionen einer Gesellschaft kulturell nicht vielfältig weitergetragen werden, sondern verstärkt Narrative des Getrenntseins und der Mehr- bzw. Minderwertigkeit Fuß fassen, liegt auch weniger Fokus auf den unterschiedlichsten Phasen und Prozessen von Integration generell. Die Shaolin-Methode zur Transformation der Sehnen als einer traditionellen heilenden chinesischen Bewegungsmethode, die weltanschaulich sowohl von Taoismus als auch Buddhismus gespeist wird, setzt sich aus diesem Grund über die konkrete Arbeit mit dem eigenen Körper mit dem Thema Koordination, Integration und Verbundenheit in der Bewegung als wichtiger Maßnahme gesellschaftlicher Balancierung auseinander.

Diese körperliche Auseinandersetzung mit der geistigen Welt des Taoismus, des Buddhismus und der chinesischen Heilkunde ist auch unmittelbar und unzertrennlich integriert in das emotionale Balancieren, Stärken und Stabilisieren, das ebenfalls wiederum parallel nach innen und nach außen gerichtet ist. Ganz bewusst wird die soziale Außenwirkung dieser eigenen emotionalen Harmonisierung in den Blick genommen. Sie stellt einen wichtigen Fokus der Übungspraxis der Shaolin-Methode zur Transformation der Sehnen dar.
Die Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichsten Anteilen unseres Seins, und damit allen Ebenen unserer körperlichen Existenz (körperlich, geistig, emotional, bewusst, unbewusst, …), und den Kontexten, in die wir eingebunden sind, sind äußerst komplex. Je nach eigenen Vorkenntnissen und Fähigkeiten beschäftigt man sich in einer Praxis wie der Shaolin-Methode zur Transformation der Sehnen von einfachen körperlichen Bewegungen ausgehend Schritt für Schritt mit der zunehmend wahrgenommenen unbegrenzten Komplexität. Da alles permanent im Wandel begriffen ist und damit kontinuierlicher integrativer Arbeit bedarf, verwehrt man sich nicht der Arbeit der Integration, sondern lernt, strategischer und konstruktiver mit ihr umzugehen.
Man kann natürlich auf einer Ebene bleiben, auf der man sich lediglich damit beschäftigt, durch die Shaolin-Methode zur Transformation der Sehnen die eigene körperliche Kraft zu steigern und dynamischer und geschmeidiger zu werden. Auch wenn dies einen Teilaspekt dieser Shaolin-Methode darstellt, so liegt es jedoch nicht im ursprünglichen Design dieser Übungsmethode, die tägliche Übungspraxis in ihrer Ausrichtung einzig und allein darauf zu beschränken. Vor allem im Kontext des Tao Te King, der ältesten und zentralen Schrift taoistischer Philosophie, ist in einer solchen körperlichen Praxis nicht alleine die soziale Ausstrahlung und Funktion mitgedacht, sondern auch die Integration, das Eingebundensein menschlicher Existenz in die gesamte sie umgebende Umwelt. Vielschichtigkeit ist das Design.
