Loslassen – reduzieren (損 sun) im Qigong

»Wer nach dem Dao handelt, lässt Tag für Tag los. Man lässt mehr und mehr los, um schließlich das Nicht-Handeln zu erreichen.« (Daodejing, Kapitel 48)


Im letzten Blogbeitrag habe ich über ziran im Kontext der Qigong-Bewegungen gesprochen. Allerdings, Bewegungen folgen, sie beobachten und zulassen, das klingt weitaus einfacher, als es in Wirklichkeit ist. In der Tat ist es oft überaus schwierig, von der bewussten Bewegungskontrolle abzulassen, einfach geschehen zu lassen, mehr oder weniger eine Beobachterrolle einzunehmen und dem Bewegungswissen, das bereits in einem steckt, mehr Vertrauen entgegenzubringen, sich tatsächlich darauf zu einzulassen. Wichtig ist aus der daoistischen Perspektive von daher in jedem Fall, den Dialog zwischen dem Willen und dem eigenen Körperwissen zu fördern, ein gutes Gleichgewicht zu finden und möglichst eine „Diktatur“ des Willens zu vermeiden.

Wie ich ja auch bereits in meinem letzten Blogbeitrag angedeutet habe, ist in den inneren Bewegungstraditionen die Orientierung an philosophischen Prinzipien für jede einzelne Übung einer daoistisch orientierten Praxis wichtiger als die jeweils formalen oder auch technischen, willensgesteuerten Maßstäbe für diese Praxis – auch wenn die letzteren natürlich auch wichtig sind. Ich benötige zunächst ja auch eine Orientierung für den konkreten Bewegungsablauf. Wenn aber die formalen und technischen Anforderungen grundsätzlich erfüllt sind, übernehmen die weitaus tiefer liegenden philosophischen Konzepte.

Im daoistischen Denken ist in dem gegenwärtigen Zusammenhang deshalb das Konzept des Loslassens (損 sun) von großer Bedeutung. Gemäß daoistischer Philosophie gelangt man zu Ziran-Prozessen, indem man das loslässt, was einen davon abhält, den eigenen Potenzialen gemäß zu agieren: Hierfür heißt es loslassen, was die Entfaltung des Potenzials behindert – sozusagen körperlich die innere „Versteinerung“ auflösen. Vielfach merkt man allerdings auch gar nicht unbedingt, dass man möglicherweise nicht primär festgehalten und blockiert WIRD, sondern dass man vor allem SELBER festhält. Von daher geht es in der daoistischen Philosophie viel weniger darum zu „machen“ (為 wei) als darum „geschehen zu lassen“ (無為 wuwei).

In den inneren Bewegungstraditionen – gleich, ob es sich um die inneren Kampfkünste oder um heilende daoistische Methoden der Körperarbeit handelt – lernt man also tatsächlich primär dadurch, dass man sich zurücknimmt, Bewegungen geschehen lässt, loslässt – und zwar in einem liebevoll umsorgenden aufbauenden Rahmen (inneres Lächeln etc. 面帶微笑). Wenn ich in diesem Zusammenhang bereits mehrfach von Potenzialen gesprochen habe, ist eine wichtige Frage deshalb natürlich, von welchen Potenzialen ich hier überhaupt spreche bzw. welche Potenziale denn zentral im Blickfeld daoistischer Philosophie liegen: Im Daodejing (道德經) geht es im Kern immer um nährende, Fürsorge tragende Qualitäten (慈生育長畜養). Darauf werde ich in einem eigenen Blogbeitrag noch ausführlich eingehen. Beim „Nähren des Lebens“ (養生 yangsheng) geht es von daher ursprünglich auch nicht alleine um Übungen zur „Pflege“ des eigenen Lebens, sondern um eine grundsätzliche Haltung dem Leben allgemein, der Welt gegenüber.


Zu Zitaten aus dem Daodejing:
Das Daodejing (= Tao Te King = Tao Te Ching = Laozi) ist das Herzstück daoistischer Philosophie. Es gibt viele, teils sehr unterschiedliche Übersetzungen des Daodejing ins Deutsche und ins Englische, da es weitaus mehr als eine Übersetzungsmöglichkeit gibt – selbst bei gleicher Textgrundlage. Bei Übersetzungen unterschiedlicher Textversionen des Daodejing wird die Zahl der Übersetzungsmöglichkeiten noch vervielfältigt. Übersetzungen mehrerer chinesischer Textvarianten des Daodejing inklusive Erläuterungen finden Sie u. a. in meiner Doktorarbeit, die Sie entweder als PDF von der Website der Universität Trier oder von meiner Website herunterladen können: https://tao-moves.com/qigong_wing-chun/literatur/
(Eine Synopse und kommentierte Übersetzung des Buches Laozi)

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