Es gibt keine Akupunkturpunkte

Eine Übersetzung als Punkte ist für die tägliche Übungspraxis nicht hilfreich. Diese sogenannten Punkte sind keine Punkte. Das chinesische Schriftzeichen xue bezeichnet eine Höhle, eine Höhlung, das Zeichen wei bedeutet Position. Wir haben es also vielmehr mit den Positionen markanterer (energetischer) Räume zu tun. Sie sind energetische Verzweigungsstellen. Wir hegen und pflegen deren Pulsieren für gesunde Konstellationen innerhalb größerer Konstellationen im Netz des Lebens. Die Art und Weise, wie wir (Muster und Strukturen) visualisieren, hat Konsequenzen für unsere Praktiken.

Kraft in den daoistischen Bewegungspraktiken

Daoistische Bewegungspraktiken beschäftigen sich indirekt mit Muskelkraft und Muskeltraining. Der einseitige Fokus auf einen Teil führt zu Ungleichgewichten, die dann wiederum des Ausgleichs bedürfen. Der Fokus liegt auf der Verbindung mit den umhüllenden Kräften. Dadurch fließen viel weitere Kräfte durch das Individuelle. In der eigenen Praxis geht es auch um die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Kein Zentrum und keine zentrale Kontrolle

Kein Zentrum und keine zentrale Kontrolle

Wenn man sich anschaut, wie das 道德經 Daodejing an das Konzept von 天地人 “das Universum, die Erde, die Menschen”, das ich in meinem letzten Blogbeitrag diskutiert habe, herangeht, ist es offensichtlich, dass ein Fokus auf ein Zentrum und auf zentrale Kontrolle in einer Welt endloser Netzwerke unnötige Ungleichgewichte, Risiken und Probleme hervorbringt. Für eine Bewegungspraxis, die am 道德經 Daodejing orientiert ist, bedeutet dies, dass man stattdessen eine diversifizierte Praxis mit einer großen Bandbreite an Inputs hat, die Prozesse strukturieren. Ein energetischer Knotenpunkt wie das 下丹田 untere Dantian beispielsweise ist deshalb lediglich ein energetischer Knotenpunkt unter vielen, vielen anderen. Wenn man eine Bewegung initiiert, liegt der Fokus auf dem Verbinden, nicht darauf, wo die Bewegung beginnt. Es gibt auch keinen zentralisierten Prozess.

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Das Universum, die Erde, die Menschen

Das Universum, die Erde, die Menschen

Im Allgemeinen wird 天地人 einfach als Himmel, Erde, Mensch übersetzt. In meiner Wahrnehmung daoistischer Philosophie gebe ich persönlich mittlerweile jedoch der Übersetzung als das Universum, die Erde, die Menschen den Vorzug. Im Kontext der Philosophie des Daodejing verweist 天 tian, Himmel auf die Welt der Sterne, das Universum und damit die größere Einheit, in der 地 di, die Erde lediglich einen kleinen Teil darstellt. In dem Konzept das Universum, die Erde, die Menschen sind wir Menschen nicht das Zentrum des Universums. Wir betrachten lediglich die Erde und das Universum aus unserer menschlichen Perspektive und für unsere menschliche Perspektive. Menschen sind wie andere lebendige Wesen und unbelebte Dinge Teil des Lebens auf der Erde. Die Erde ihrerseits ist wiederum lediglich ein kleines Teil in dieser endlosen Welt, die man einfach beobachten kann, wenn man einen sternenbedeckten Nachthimmel betrachtet. Dieses und natürlich viele andere Konzepte verbinden das Daodejing mit indigenen Weltvorstellungen. Ich erwähne dies in einem meiner vorherigen Blogbeiträge und empfehle dort das Lesen oder Hören von Robin Wall Kimmerers Geflochtenes Süßgras: Die Weisheit der Pflanzen (Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge, and the Teachings of Plants), um die Gedankenwelt des Daodejing diesbezüglich besser verstehen zu lernen.

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Daoistische Philosophie in Bewegung, Kneipp-Akademie, 8. – 11. September 2022

Möchten Sie eine traditionelle daoistische Methode erlernen, um sich auf eine sanfte Weise zu revitalisieren – körperlich, seelisch und mental? Dann kommen Sie doch im September zu meinem Seminar an der Kneipp-Akademie in Bad Wörishofen und erlernen Sie die Yin-Yang- und Fünf-Wandlungsphasen-Methode. Hier der Link zu allen wichtigen Informationen und zur Anmeldung:

https://www.kneippakademie.de/kurs/die-yin-yang-fuenf-wandlungsphasen-methode/

Daoismus? 道家思想與道教

Es gibt eine sehr große Bandbreite daoistischer Praktiken. Aus diesem Grund ist es wichtig, zu erläutern, wovon ich persönlich spreche, wenn ich von daoistischen Praktiken und dem Daoismus spreche in der Ausrichtung, in der ich mich mit ihnen auseinandersetze. Denn ich spreche hier oft von anderen Dingen, als es sonst in der Kampfkunst- und Qigong-Szene der Fall ist.

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Form, Teil 2 形的內涵,第二

Wenn eine bestimmte Bewegung einer daoistischen Praktik laut Form eigentlich größer, d. h. ausladender gemacht wird – beispielsweise eine kreisende, spiralförmige Armbewegung, man jedoch zu viel bewusste Kontrolle benötigen würde, um die Bewegung tatsächlich ausladender ausführen zu können, weil etwa die Schultern nicht locker genug sind, macht man diese Bewegung einfach kleiner.

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Kraft im Daodejing und in daoistischen Bewegungspraktiken

Auch für die Daoisten war bereits allseits sichtbar und erfahrbar, dass aus Hass enorme Kräfte entstehen. Es gab viele Kriege und politische Rivalitäten. Hierbei spielten Unterwerfung, Unterdrückung, Machtgier und der Kampf um die Macht eine zentrale Rolle. Auch wir wissen aus der Vergangenheit und können gegenwärtig überall in der Welt sehen, wie stark diese Kräfte sind. Deshalb kommt dem Zeichen 安 an (Ruhe, Stille, Frieden) eine so wichtige Rolle bei, nämlich im Sinne von mit sich und der Welt Frieden schließen.

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無 Wu – die Bedeutung der Leere, des Leer-Seins und des Leer-Werdens im Qigong und in den Bewegungstraditionen mit daoistischer Orientierung

Glass - halb leer, halb voll

Damit Bewegungen und Haltungen voll werden können, müssen sie zunächst einmal leer werden. Es ist bekannt, dass dem Sichbefreien von Ballast, der sich im Laufe der Sozialisation und des bisherigen Lebens in einem innerlich angesammelt hat, sowie dem Sichentleeren und dem Loslassen generell im Daoismus immer wieder Beachtung geschenkt werden. Deshalb gibt es im Daoismus, genau gesagt bei Zhuangzi, im Zusammenhang mit der Rückkehr zu mehr Ursprünglichkeit (樸素 pu su, 真 zhen) und meditativen Praktiken diesbezüglich bezeichnenderweise den Begriff „sitzen und vergessen“ (坐忘 zuo wang).

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養生 Yangsheng – die Pflege des Lebens

Yangsheng_Berge

Bevor ich auf die konkrete Thematik des heutigen Blogbeitrags eingehe, zunächst etwas zu meinen Blogbeiträgen ganz allgemein: Für diejenigen unter den Lesern, die mich schon längere Zeit begleiten, sind viele der daoistischen Konzepte, über die ich schreibe, bereits vertrautes Gedankengut. Allerdings scheint man manches andererseits „tausend Male“ hören zu müssen, um es das erste Mal wirklich hören zu können. Man kann dies an sich selbst erfahren, es ist aber auch eine wichtige Erkenntnis für das eigene Unterrichten.

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Kreuzschmerzen nach dem Nei-kung Üben

Gestern bin ich gefragt worden, was man macht, wenn man nach dem Üben der Yin-Yang-Methode Nacken- und Kreuzschmerzen hat. Eigentlich ist es so, dass man durch die Praxis der Yin-Yang-Methode Verspannungen im Nacken-/Schulterbereich Stück für Stück löst und den kompletten Wirbelsäulenraum wieder beweglicher macht. Dies sollte komplett schmerzfrei geschehen. Schmerzen deuten hier daraufhin, dass man die Yin-Yang-Bewegungen ohne das notwendige Feingefühl gemacht hat. Worauf sollte man also achten, damit man nicht genau das Gegenteil dessen bewirkt, was man erreichen möchte?

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